Geschichten

Sie waren Dienstmädchen mit gesteifter Schürze und weißem Käppchen. Es hieß, sie waren „in Stellung“: Sie verdingten sich im Stadthaus wohlhabender Manufakturbesitzer oder im adligen Gutshaus mit prächtiger Parkanlage. Unaufgeklärt und ungeschliffen standen sie als Landkinder von jetzt auf gleich mit der Porzellanschüssel in der Hand in protzigen Speisesälen der Herrschaften und im pulsierenden Stadtleben – elektrische Straßenbahn, Drehorgelspieler, Schuhputzer, hektischer Verkehr. 

Den Blick gesenkt ordneten sie sich den feinen Leuten und ihren weniger feinen Umgangsformen unter, liebäugelten mit dem mondänen Leben rund um Theater, Königspalast und Marktplatz. 

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Sie wurden geboren, als das Schlimmste vorbei war. Die 50er Jahre bescherten ihnen eine Kindheit im Spannungsfeld zwischen Willenskraft, Anpassungsfähigkeit, Konsumrausch und Verdrängung. Sie sollten sorglos, erfolgreich und wohlhabend sein. 

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Jeden Sonntagvormittag füllten Männer im gestandenen Alter und Sonntagsstaat die großväterliche Stube. Sie spielten auf, reizten, bekannten, schmierten, mauerten und drückten, Null-Ouvert oder Grand, sie kamen hinten zu sitzen oder mussten passen. Allmählich legte sich ein dichter, blauer Rauchschleier über die Kartenspieler. Mit jeder Runde jauchzten, klopften und schimpften sie lauter. Und jedes Gläschen Korn trieb die Erzähllaune der ansonsten eher wortkargen Eifler weiter an.

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Sie sind in den Trümmern geboren und mit der Sorge ums eigene (Über)Leben groß geworden. Sie haben früh gelernt, sich mit wenig zufrieden zu geben. Ihre unheile Welt haben sie sich mit Spielen aus den Kriegserlebnissen zurecht gebogen. Sie waren oft auf sich alleine gestellt: Ihre Mütter schufteten bis zum Umfallen, als Meisterinnen der Verdrängung; ihre Väter waren gefallen, vermisst, noch in Gefangenschaft, bestenfalls gebrochene Männer. 

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In aller Frühe machten sie sich zu Fuß oder mit dem Rad auf, um pünktlich zum Schichtwechsel am Band zu stehen: immer die gleiche Naht, immer das gleiche Teilstück, immer der gleiche ohren­betäubende Lärm, immer der gleiche abfällige Ton der Bandleiterin. Sie waren junge, beugsame, akkurate Frauen. Heute sind sie unsere Mütter, Omas und Uromas.